Forschung
Am Zera Institute erforschen wir, wie sich Hass, Extremismus und Antisemitismus in digitalen Ökosystemen ausbreiten – und wie sie die Grundpfeiler der liberalen Demokratie unterwandern. Wir machen sichtbar, was oft im Verborgenen bleibt: die sprachlichen, visuellen und algorithmischen Mechanismen, durch die radikale Ideologien normalisiert, geteilt und gesellschaftlich verankert werden.
Überblick über die Forschungsberichte
Juli 2025 – Januar 2026
Die liberale Demokratie steht unter erheblichem Druck: Gewalt – insbesondere politische Gewalt sowie Gewalt gegen Minderheiten – nimmt in alarmierendem Maße zu, während das Vertrauen in staatliche und gesellschaftliche Institutionen zunehmend erodiert. Online-Extremismus und Radikalisierung sind zentrale Treiber dieser Entwicklung. Antisemitismus stellt dabei eine wesentliche Komponente von Online-Radikalisierung und extremistischen Dynamiken dar.
Bislang ist das Zusammenspiel dieser drei Phänomene – Bedrohungen der liberalen Demokratie, Online-Extremismus und Antisemitismus – nur in begrenztem Maße systematisch untersucht worden, insbesondere im Kontext Influencer-zentrierter Social-Media-Umgebungen. Der Hauptbericht schließt diese Forschungslücke durch eine empirische Untersuchung der Frage, wie Influencer und ihre Publika gemeinsam illiberale Diskurse hervorbringen und verstärken. Im Zentrum der Analyse stehen drei eng miteinander verknüpfte Prozesse, die für die zeitgenössische liberale Demokratie besonders problematisch sind: die Normalisierung politischer Gewalt; die Legitimierung von Gewalt gegen Minderheiten, insbesondere gegen Jüdinnen und Juden; sowie die fortschreitende Delegitimierung demokratischer Institutionen.
Das den folgenden Berichten zugrunde liegende Forschungsprojekt wurde Ende Januar 2026 abgeschlossen.
Hauptbericht auf einen Blick:
- Analyse von mehr als 11.000 Nutzerkommentaren auf Twitter/X, Instagram, YouTube, TikTok und weiteren Social-Media-Plattformen
- Ländervergleichende Studie von über zwei Dutzend deutschen und US-amerikanischen Influencer-Accounts und ihren jeweiligen Publika, über das gesamte politische Spektrum hinweg
- Aufbau auf der langjährig entwickelten Methodik des Projekts Decoding Antisemitism, geleitet von Dr. Matthias J. Becker
- Analyse der Rolle von Online-Diskursen bei der Normalisierung von Gewalt – insbesondere politischer Gewalt und Gewalt gegen Minderheiten – sowie beim Vertrauensverlust in staatliche und gesellschaftliche Institutionen
- Einblicke in kontextspezifische Ausprägungen illiberaler Dynamiken in deutschen und US-amerikanischen digitalen Öffentlichkeiten
- Erste grundlegende Schritte zur Überführung qualitativer Befunde in skalierbare, KI-gestützte Analyseprototypen
Zweiter Bericht
Der zweite Bericht baut auf den empirischen Ergebnissen der ersten Studie auf, indem er Hypothesen für weiterführende Forschung formuliert und vier mögliche Interventionsfelder auf politischer bzw. politikrelevanter Ebene identifiziert. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Rolle von Kommentarspalten als Verstärkungsräume, Radikalisierungsarenen und Legitimationsorte von Diskursen, die über das ursprüngliche Framing der Influencer hinausgehen.
- Social-Media-Politik & Regulierung: evidenzbasierte Kriterien für Plattform-Governance; Identifikation von Verstärkungsdynamiken, die regulatorische Interventionen erforderlich machen
- Sicherheit / Nationale Sicherheit & Risikobewertung: Indikatoren für Frühwarnsysteme; verbesserte Erkennung koordinierter oder aus dem Ausland gesteuerter Einflussoperationen
- Bildung & Prävention: empirisch fundierte Erkenntnisse darüber, wie radikale Deutungsrahmen Gewalt normalisieren, sowie Grundlagen für gegenradikalisierende und resilienzorientierte Bildungsangebote
- Angewandte KI-Entwicklung: Übertragung qualitativer Diskursbefunde in Monitoring- und Diagnosesysteme, mit einem Schwerpunkt auf Prävention statt ausschließlich reaktiver Durchsetzung
Autoren der Studie
Dr. Matthias J. Becker
Matthias ist Linguist mit Schwerpunkt auf Pragmatik, kognitiver Linguistik, Diskursanalyse und Social Media Studies. Seit mehr als einem Jahrzehnt forscht er zu Antisemitismus, Vorurteilen und Hass in medialen Kontexten. Als Leiter des internationalen Projekts Decoding Antisemitism an der University of Cambridge – dem bislang größten Forschungsprojekt zu Antisemitismus im Internet in Europa – sowie des New Yorker Thinktanks AddressHate bringt er Experten aus Geistes-, Sozial- und Datenwissenschaften zusammen, um antisemitische Diskurse in digitalen Räumen qualitativ, multimodal und KI-basiert zu analysieren.
Seine Arbeit verbindet wissenschaftliche Präzision mit gesellschaftlicher Relevanz und zielt darauf ab, die Mechanismen hinter implizitem Hass offenzulegen, das Potenzial LLM-gestützter Ansätze auszuschöpfen, Social-Media-Analysen zu skalieren und Strategien für Prävention und Aufklärung zu entwickeln.
Prof. Benjamin Folit-Weinberg
Ben ist Altphilologe und Experte für antikes griechisches Denken. Seine Forschung bewegt sich an der Schnittstelle von Philosophie, Dichtung und Ideengeschichte und untersucht, wie Begriffe, Sprache und Metaphern das Denken strukturieren – von der Antike bis zur Gegenwart.
Marcus Scheiber
Marcus Scheiber ist Linguist und forscht zu Sozialsemiotik, Korpuslinguistik, kritischer Diskursanalyse und Multimodalitätsforschung. Sein Masterstudium schloss er 2018 an der Universität Heidelberg mit einer Arbeit zu Internet-Memes ab. Seit 2020 promoviert er in einem gemeinsamen Projekt der Universität Vechta und der Universität Wien. In seiner Dissertation mit dem Titel „Das Realitätskonstruktionspotenzial multimodaler Kommunikationseinheiten in antisemitischer Kommunikation“ untersucht er Internet-Memes als zentrale Kommunikationsformate antisemitischer Strategien.
Benjamin C. Rouda
Benjamin C. Rouda ist Forscher mit einem Bachelorabschluss in Psychologie und Nahoststudien an der Universität Tel Aviv. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Sozialpsychologie, insbesondere in der Psychologie des Extremismus und intergruppaler Konflikte. Darüber hinaus befasst er sich mit der Radikalisierung von Online-Communities, mit besonderem Fokus auf Incel-Gruppen.
Suneela Maddineni
Suneela Maddineni ist Datenwissenschaftlerin und NLP-Forscherin mit Schwerpunkt auf der computergestützten Analyse schädlicher und antisemitischer Online-Äußerungen. Sie hat einen Masterabschluss in Datenwissenschaft von der American University, wo sie sich in ihrer Forschung auf Textklassifikation, Clustering sowie auf Mixed-Methods-Ansätze zur Analyse von Hass im Internet und psychologischer Dynamiken in Social-Media-Inhalten konzentrierte.
Oksana Stanevich
Oksana Stanevich ist Ärztin, Epidemiologin und Datenwissenschaftlerin mit umfassender Erfahrung in der Gesundheitsforschung, der computergestützten Analyse und der Bioinformatik. Sie war an Initiativen und Projekten im Bereich der Open Science beteiligt, die sich mit irreführenden oder fragmentierten Informationen in Hochrisiko- und Krisenkontexten, insbesondere während der COVID-19-Pandemie, befassen.